Zur Qualität des Lehrangebotes bei SLS - Eine studentische Evaluation
Stephan Moebius

Im Rahmen eines Forschungspraktikums wurde im Wintersemester 1997/ 98 bei den SchwulLesbischen Studien an der Universität Bremen durch eine schriftliche  Befragung ermittelt, wie die TeilnehmerInnen an Veranstaltungen der SLS deren Qualität für die Lehre an der Universität Bremen einschãtzen.

An dieser Stelle wollen wir nun die ersten Ergebnisse ganz kurz darstellen. Der  vollständige Bericht kann ab Mitte April bei den SchwulLesbischen Studien eingesehen werden.

Die SchwulLesbischen Studien bzw. deren Veranstaltungen sind zum Teil dem  Vorwurf ausgesetzt, den Charakter von "Selbsterfahrungsgruppen" zu besitzen oder daß sie einen neuen Treffpunkt "der Szene" darstellen. Dies sind unserer Meinung  nach teilweise auch von außen herangetragende Vorurteile, aber zu einem gewissen Anteil auch Einschätzungen von Studierenden, die an den Veranstaltungen der SLS  teilnahmen. So schreibt beispielsweise eine der Befragten: "Eine Reduzierung der Selbsterfahrungsmomente wäre wünschenswert." Diese Einschätzung der SLS-Veranstaltungen läßt sich demnach nicht nur als ein Vorurteil von denjenigen,  die niemals an einer der Veranstaltungen teilgenommen haben, erklären, sondern wird von einigen der TeilnehmerInnen selbst so gesehen.

Auf der anderen Seite scheinen die Veranstaltungen aber auch einen gewissen Reiz  auf die Studierenden auszuüben, der über bestimmte Relevanzkriterien (gesellschaftspolitischer, beruflicher oder persönlicher Natur) hinausgeht. So scheint bei manchen die "anschauliche Darstellung und Didaktik" oder die "offene  Atmosphäre" eine besondere Qualität der SLS-Veranstaltungen auszumachen Inwiefern von außen herangetragenen Meinungen über die SLS nachgegangen werden sollte, kann jedeR selbst entscheiden. Interessanter ist es jedoch, die  Angaben zu der Qualität der SchwulLesbischen Studien, die die Befragten selber lieferten, zu betrachten und insbesondere zu versuchen, eine tendenzielle Aussage für folgende Ausgangsfrage aufzustellen:

 Wie wird die Qualität der SLS-Veranstaltungen als auch der Lehre von den Studierenden, die die Veranstaltungen der SchwulLesbischen Studien besucht haben, eingeschätzt?

Aufgrund der in den Fragebögen angegebenen Aussagen fällt eine Antwort darauf nicht allzu schwer.

Die Qualität der Lehre und der Veranstaltungen wird von weit mehr als der Hälfte  der Studierenden (70, 9%) positiv bewertet. Die Lehre wird größtenteils als sehr kompetent und qualifiziert, gut vorbereitet und strukturiert eingeschätzt; die Lehrenden zeichnen sich durch ihr Engagement, ihre anschauliche Darstellung und  Didaktik sowie ihr fundiertes Hintergrundwissen aus. Die Aufgeschlossenheit und Offenheit der Lehrenden scheint sich auch auf die Qualität der Veranstaltungen auszuwirken. Diese bieten eine offene, diskussionsfreudige bis hin zu einer  lockeren, familiären Atmosphäre. Sie werden als gut vorbereitet und lebendig empfunden, bieten darüber hinaus gute Diskussionsmöglichkeiten und neue Denkprozesse, wie beispielsweise eine der Befragten bemerkt: "Die  Veranstaltungen haben mich extrem zum Nachdenken angeregt". So wird des öfteren geschrieben, die "Veranstaltungen sollten auch in anderen bzw. mehreren  Fachbereichen angeboten werden" oder: "Es wäre noch besser, die begonnenen Bemühungen, andere Fachbereiche und damit Lehrende zu gewinnen, auszuweiten."

Die Veranstaltungen sind kurz gesagt "Veranstaltungen mit neuen Themen, die mein Wissen erweiterten", die qualifiziert und gut vorbereitet sind, den Studierenden eine  offene Atmosphäre für Diskussionen und neue Aspekte bieten und als angenehm, lebendig empfunden werden, so daß sie - nach Meinung einer der Befragten - ,unbedingt erhalten bleiben sollten".

In Bezug zu einer Äußerung, die Veranstaltungen seien "zwangshomosexuell" oder "dogmatisch", gibt eine der Befragten den Rat, "es sollte darauf geachtet werden,  nicht durch die dogmatische Identitätsschiene ausschließend zu wirken - dies gilt besonders für fanatische Lesben". Ähnlich schreibt ein anderer Studierender, daß  "viele Veranstaltungen zu sehr auf 'Identität' und 'Gleichberechtigung' fixiert waren; [ er] mag nicht über die Probleme schwuler Manager reden; es wäre mal die Frage  zu stellen, ob eine Gesellschaft, in der es Manager gibt, nicht strukturell heterosexistisch ist. Daß Identität immer eine Form von Gewalt ist - auch die Identität von Unterdrückten [...]."

Der Vorwurf, die SLS-Veranstaltungen hätten den Charakter einer "Selbsthilfegruppe", erschien lediglich explizit bei zwei Fragebögen. Dies bestätigt sich noch dadurch, daß bei Fragen, in denen sowohl berufliche, gesellschaftliche  und persönliche Relevanzkriterien bezüglich der SLS-Veranstaltungen angegeben werden konnten, nur drei Personen eine ausschließlich persönliche Relevanz in den SchwulLesbischen Studien erkennen, und ist wohl als Hinweis darauf zu deuten,  daß die Mehrzahl der Befragten den Wert der SL-Studien nicht in dem einer "Selbsterfahrungsgruppe" sehen. So läßt sich sagen, daß die Bedeutung einer persönlichen Relevanz sich vor dem Hintergrund relativiert, daß erstens die  wenigsten nur dort eine Relevanz sehen, und zweitens wird aus den Fragebögen deutlich, daß für die meisten die persönliche Relevanz nicht auf die eigene Identität bezogen wird, sondern auf ein Interesse, sich ernsthaft mit den Themen Homo-  bzw. Bisexualität und Heterosexismus/ Homophobie zu befassen. So besteht für 62 % ein persönliches Anliegen im Hinterfragen und Analysieren der sozio-kulturellen  Umwelt, die sie als heterosexistisch, sexistisch und mit Vorurteilen beladen sehen.

Die positiven Beurteilungen von mehr als der Hälfte der abgegebenen Fragebögen bezüglich der Qualität der Lehre und der Veranstaltungen der SLS sind dort  deutlich herauszulesen, so daß vielleicht die meisten auch die Meinung derjenigen Studierenden teilen dürften, die schreiben: ,"SLS ist ein großer Fortschritt für  Deutschland und für Bremen. Wurde auch langsam mal Zeit!" "Die Notwendigkeit von SLS kann nicht hoch genug eingeschätzt werden" und "hoffentlich bleiben die SLS in Bremen!"

 Vielleicht läßt sich die Qualität der Veranstaltungen und der Lehre von SLS auch ganz lapidar so ausdrücken: "Weitermachen!" und "viel Erfolg!"