

Erfahrungsbericht
Sonja und Eckhard Pohlkotte
Liebe Frau Braun,
heute möchte ich Ihnen und den Lesern des AuK-Briefs von einer vielleicht auch für andere betroffene Familien interessanten Begebenheit berichten.
Ich war mit meinem jetzt vierjährigen Sohn wegen Neurodermitis in Gelsenkirchen, als er neuen Monate alt war. Seit dieser Zeit war seine Haut meist fast ohne ekzematöse Erscheinungen. Das heißt, dass die haut nur im begrenzten Bereich der Handgelenke etwas rau, selten jedoch entzündet war. Diese seltenen Verschlechterungen konnten wir uns meist gut erklären (z.B. Stress bei Umzug oder Kindergarteneintritt). Im November/Dezember 2003 verschlechterte sich Fabians Haut für uns zunächst unerklärlich von Tag zu Tag. Die Stellen an den Händen/Unterarmen entzündeten sich, wurden größer und Fabian kratzte sich täglich bis aufs Blut, so dass es dicke, braune Krusten gab. Wir wurden wieder von Bekannten und Verwandten angesprochen. Da das Verhalten unseres Sohnes zunächst stabil blieb (tiefer, durchgängiger Nachtschlaf, normales Sozial- und Erkundungsverhalten) reagierten wir wie gewohnt mit Ignorieren. Nach ein paar Wochen sprach ich jedoch mit meinem Mann über diesen Zustand. Wir fragten uns, wo die Ursachen lagen. Hatten wir in der Vorweihnachtszeit zu viel Stress? Bei intensiverem Nachdenken und Beobachten unseres Alltags in den darauf folgenden Tagen, fielen uns jedoch ein paar dinge auf, die sich unbemerkt eingeschlichen hatten:
1) Alle paar Tage gab es Wutanfälle im Sinne von Trotzanfällen angesichts von klitzekleinen Frustrationen (die Fabian normalerweise gut verkraftete) mit minutenlangem, wildem Geschrei. Da wir nach jahrelanger Übung in liebevoll-konsequentem Erziehungsverhalten mit solchen Ausbrüchen gut klarkamen, dachten wir nur an vorübergehendes Austesten, nicht daran, dass evtl. eine tiefergehende Unsicherheit dahinterstehen könnte.
2) Häufig versuchte Fabian, alltägliche Dinge zu bestimmen. Wir dachten zunächst daran, dass es sich um einen Aspekt einer normalen Entwicklungsphase handeln könnte. Es gibt bei uns so wenig Regeln wie möglich (dafür aber feste) und viel Freiheit, sich auszuprobieren. Die zunehmenden Kompromisse beschnitten jedoch die Freiheit von uns Erwachsenen immer mehr..
3) Wenn wir Fabian abends ins Bett brachten, hörten wir bisher nie gestellte Fragen: "Schläfst Du bei mir oder bei Dir, Mama?" "Kannst Du bitten dem Schattentier sagen, dass es nicht mehr böse sein soll?" Zunächst antworteten und halfen wir geduldig.
4) Mehr als gewohnt, verlangte er nachts nach uns, also auch dann, wenn er nicht akut krank war: Nase zu putzen, Durst stillen – er rief so lange, bis jemand von uns sich darum kümmerte. Wenn er morgens vor dem Weckerklingeln wach wurde, wollte er nicht alleine durchs Dunkle bis in unser Schlafzimmer gehen.
Bei uns kamen erste Ahnungen auf, dass eine Trennungssituation Anfang November 2003 (Fabian übernachtete auf eigenen Wunsch zum ersten Mal alleine bei seinen Großeltern) für ihn jedoch schwerer zu verkraften gewesen sein muss, als wir zunächst annahmen, weil die beschriebenen Veränderungen ungefähr eine Woche nach diesem Zeitpunkt begonnen hatten. Nun wollten wir bewusster reagieren, unserem Sohn Rückversicherung geben, mehr Halt und Orientierung und wieder vermehrte Möglichkeiten zur Selbstregulation schaffen. Konkret hieß das, konsequentes Elternverhalten, hohe Wertschätzung, Geborgenheit und Wärme deutlicher als sonst zu verwirklichen. Wir versuchten also im Alltag noch gelassener und in unseren Tagen und Worten klarer zu sein, z.B. bei Anforderungen wie Zähneputzen bestimmten wir eindeutig die Regeln; Nachts sollte er z.B. selbst aufstehen, wenn er etwas brauchte. Ich erklärte ihm, dass ich ihm abends keine Antworten mehr auf seine Fragen geben würde, da er ja wüsste, wo jeder schliefe und dass er dem Schattentier seine Bitte selbst sagen könne, weil es auch auf ihn hören würde. Unser Miteinander wurde dadurch schon wieder um einiges erträglicher. Nur das Ekzem blieb unverändert. Der entscheidende Punkt Richtung Besserung ereignete sich am Neujahrstag. Fabian sah zufällig einen Zeichentrickfilm, in dem ein Tierkind von seiner Mutter getrennt wurde. Ihm standen die Tränen in den Augen und er bat mich, den Fernseher auszustellen, weil er nicht mehr weiterschauen wollte. Ich sprach mit ihm darüber, dass das Kind sehr traurig sei, weil es zu seiner Mutter zurück wollte und dass seine Mutter ganz bestimmt nach ihrem Kind suchen würde, da sie ja wüsste, dass ihr Kind große Angst hätte. Fabians Antwort war: "Aber Du warst nicht an der S-Bahn!" Und er fing bitterlich an zu weinen. Er sprach damit die Übernachtung bei seinen Großeltern an. Ich hatte ihn nämlich von dort wieder abholen wollen und reiste mit dem Zug an. Unglücklicherweise hatte mein Zug Verspätung, sodass mein Sohn und seine Großmutter vergeblich am Bahnhof nach mir Ausschau hielten. Fabian muss einen heftigen Schreck bekommen haben, den die Oma fatalerweise aufgrund ihrer eigenen Unsicherheit, ob sie zur richtigen zeit am Bahnhof und am richtigen Bahnsteig standen, leider nicht mit der nötigen Gelassenheit begegnen konnte. Auf halbem Rückweg holte ich die beiden ein. Fabian erschien mir im ersten Moment zwar etwas reserviert in seiner Begrüßung, aber sein gesamtes weiteres Verhalten in den nächsten Tagen war völlig unauffällig. Was dieses Ereignis wirklich für ihn bedeutet hatte, haben wir erst zwei Monate später annähernd verstanden, weil er zum Glück über seine Ängste sprechen konnte, an die er durch den Film plötzlich erinnert wurde (und weil Mama in den Weihnachtsferien viel mehr Zeit und ein offenes Ohr hatte?). Nun erzählte mir Fabian von der Angst, dass seine Mutter nie wiederkommen würde und dass seine Oma ihn behalten wollte, weil sie nicht wusste, dass er doch mein Kind wäre. Er berichtete, dass er lieber am Bahnhof so lange gewartet hätte, bis ich gekommen wäre. Aber er hatte ja mit Oma mitgehen müssen, weil er sonst keinen Erwachsenen mehr gehabt hätte, der auf ihn aufpassen könnte. Nachdem wir ausführlich darüber gesprochen hatten, dass ich Fabian immer wieder abhole und dass Oma ihn nicht behalten darf, schlug ich Fabian vor, dies alles mit seiner Holzeisenbahn und Figuren nachzuspielen. Mit viel Elan spielte er die "Geschichte" wahrheitsgetreu und detailreich nach – mit einer Änderung: Die Figuren "Oma" und "Fabian" warteten so lange am Bahnhof, bis Mama mit der nächsten S-Bahn endlich ankam. Fabian war nach dieser "Spieltherapie" wie ausgewechselt, sehr zufrieden und ruhig.
Drei Tage später begann die Haut besser zu werden, und es stellte sich bei Fabian eine wunderbare Fröhlichkeit ein. Es traten seitdem keine heftigen Wutanfälle mehr auf, er akzeptierte kleine Frustrationen mit einer erstaunlichen Gelassenheit, z.B. wenn ich abends keine Lust mehr hatte, ein Gute-Nacht-Lied zu singen, antwortete er: "Ja, dann schlaf gut". Das Thema 'Du warst nicht in der S-Bahn' kam, seit dessen "Bewusstwerdung" noch mehrmals zur Sprache, z.B. ausgelöst durch ein Verreisen-Spiel im Kindergarten. Fabian hatte jedes Mal erstaunliche Ideen für die Lösung seiner Probleme, z.B. könnten wir ja noch ein Baby kriegen, um jenes dann der Oma zu geben, damit sie nicht ihn behalte. Zwei Wochen später war diese Variante schon reifer: Wenn Fabian mal eine Schwester bekommen würde, die mal bei Oma und Opa übernachten würde und dabei einen Schreck kriegen würde, müssten er und ich ganz schnell dorthin laufen, um sie zu trösten. Auch das Thema Trennung im Erwachsenenalter wollte Fabian mit mir diskutieren. Seine Lösung: Er will sich sein eigenes Haus bauen, aber direkt neben unserem.
Anfang März verschlechterte sich Fabians Hautbild wieder etwas, wobei das Verhalten stabil blieb, d.h. er war sehr zufrieden und ruhig. Wir beobachteten, dass es ihm sehr half, wenn wir vermehr versuchten, all seine von uns wahrgenommenen Gefühlsregungen zu benennen und zu bestätigen. Wir sprachen also mit ihm darüber, wenn er sich über etwas freute, wenn er sich zu ärgern schien, wenn er wütend oder traurig war. Wir glauben, dass es ihm die Sicherheit gab, mit all seinen Emotionen angenommen worden zu sein und hoffen, dass er somit die Botschaft von uns erhält, dass er nie wieder erschreckende Gefühle wochenlang unausgesprochen in sich tragen muss, sondern dass er sie durch Mitteilen überwinden kann. Außerdem brachte uns das zufällig entdeckte Buch: "Ich will meine Mami!" dem Thema Trennungsangst wieder näher. Nach wiederholter Lektüre wirkte Fabian so, als sei ihm eine schwere Last von der Seele genommen. Seitdem berichtet er auch mehr über Erlebnisse, z.B. aus dem Kindergaren, die ihn emotional beschäftigen.
Fazit
·
Wir haben den Eindruck, mal wieder fürs Leben gelernt zu haben·
Wir haben einen innerlich gestärkten Sohn·
Wir empfinden unaussprechlich viel Dankbarkeit für die Anregungen des GBVs.
Es grüßen Sie herzlich
Sonja und Eckhard Pohlkotte
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Copyright © 1997 Klaus Zölzer