

Erfahrungsbericht einer
Kinderbehandlung nach dem Gelsenkirchener Behandlungsverfahren
von Astrid Höher
|
im Jahr 1999 Sehr geehrter Herr
Langer, nun
erhalten Sie endlich den versprochenen Brief, um den Sie mich gebeten
haben. Es hat jetzt zwar einige Zeit gedauert, jedoch ist der Bereich
der Geschehnisse jetzt auch wesentlich vollständiger als er direkt nach
unserem Gespräch gewesen wäre. Folgendes
hatte sich vor ca. einem halben Jahr ereignet: Noch
bevor unser Sohn aus der Schule nach Hause zurückgekehrt war, wurde ich
vor der Haustür von meiner Nachbarin angesprochen, ich solle doch
meinen Sohn zur Ordnung rufen. Dieser habe während einer Pause in der
Schule einem anderen Jungen befohlen, unsere Nachbarstochter zu verprügeln.
Der Junge schlug daraufhin dem Mädchen ins Gesicht. Das Mädchen ging
zur Pausenaufsicht, die Klassenlehrerin wurde informiert und es wurde
versucht, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Ergänzend
muß man erwähnen, dass diesem Ereignis eine Streitigkeit zwischen
meinem Sohn und den Kindern meiner Nachbarin einige Tage zuvor
vorausgegangen war.
Als
Reaktion auf dieses Vorkommnis wurde im Unterricht ein Stuhlkreis
gebildet, indem zum einen Nils Verhalten und zum anderen eine zu
ergreifende Maßnahme unter den Kindern seiner Klasse diskutiert wurde.
Der Junge, der das Mädchen geschlagen hatte, behauptete, dass Nilsund
sein Freund ihn dazu gezwungen hätten und dass er vor Nils Angst und
deshalb zugeschlagen hätte. Auch Nils Freund sagte, dass er manchmal
vor ihm Angst hätte. So kam es dazu, dass Nils eine Woche lang in der
Pause im Klassenraum bleiben sollte, das Kind, das geschlagen hatte,
dagegen keine Konsequenz erfuhr. Parallel
dazu wurde ich zu Hause von der Klassenlehrerin und der Mutter des
Kindes, das geschlagen hatte, angerufen und aufgefordert, dafür zu
sorgen, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Die Mutter dieses Kindes
war überzeugt davon, dass ihr Sohn nur in Verteidigungssituationen
zuschlagen würde und somit von Nils stark unter Druck gesetzt worden
sein mußte, so dass es zu der Tätlichkeit gegenüber unserer
Nachbarstochter kommen konnte. Ich dagegen hatte mehrfach beobachtet,
dass dieser Junge durchaus zuschlug, auch mit Gegenständen, wenn er geärgert
wurde. So
versuchte ich erstmal herauszufinden, was geschehen war. Nils Freund
sagte, er wäre bei der Schulhofprügelei nicht dabeigewesen. Der Junge,
der das Mädchen geschlagen hatte, würde jedoch Nils und ihn öfters ärgern
und u.a. in den Po treten, was nicht dafür spricht, daß er vor meinem
Sohn sehr große Angst hat. Mein Sohn sagte, dieser Junge hätte einen
Befehl von ihm haben wollen und den hätte er ihm dann gegeben. Am nächsten
Schultag haben mein Mann und ich Nils dann in die Schule begleitet, um
mit der Klassenlehrerin die Situation zu erörtern. Nils Klassenlehrerin
war von einigen Eltern unter Druck gesetzt worden und gab uns den Rat,
eine Familientherapie durchzuführen, da Handlungsbedarf gegenüber den
Eltern bestände. Parallel zu diesen Vorkommnissen wurde durch unsere Nachbarin der
Versuch
unternommen, über die Klassenpflegschaftsvertreterin eine
Klassenpflegschaftssitzung zu initiieren, die sich mit diesem
"Fall" befassen sollte. Nun ist
es in der Tat so, dass Nils den Schulhof als Freiraum ansah, in dem er
sich nach Herzenslust an "Bandenkriegen"
und Prügeleien
beteiligen konnte. Seine Lieblingsrolle war die des Bandenchefs. Bei uns
zu Hause oder wenn Nils bei Freunden war, kam es nicht zu Schlägereien.
Aus Streitigkeiten der Kinder hielt ich mich raus. Wenn es zwischen Nils
und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder zu Handgreiflichkeiten kam,
sorgte ich für Einhaltung der Grenzen. Dies
geschieht auf dem Schulhof nicht ausreichend. Pädagogische Philosophie
ist, dass die Kinder lernen sollen, Streitigkeiten unter sich selbst zu
regeln, ohne handgreiflich zu werden. Fakt ist jedoch, dass auf dem
Schulhofgelände, das in zwei Ebenen unterteilt ist, nur eine
Aufsichtsperson für ca. 350 Kinder zuständig ist, und diese Person
kann nie den gesamten Schulhof im Blick haben. So kommt es immer wieder
dazu, dass die Kinder sich gegenseitig in den Bauch oder in die Seite
treten, wiederholt ins Gesicht schlagen, den Kopf auf das Pflaster stoßen,
so dass das Gesicht aufgeschlagen wird etc. Es besteht zwar eigentlich
die Regel "Wir prügeln und wir zanken nicht". Es wird jedoch
nicht ausreichend für deren Einhaltung gesorgt. Es kommt tagtäglich zu
Prügeleien. Letztendlich wird erwartet, dass die Eltern für die
Einhaltung der Regeln sorgen. So
sorgte auch ich, nachdem unsere Nachbarstochter geschlagen wurde, dafür,
dass Nils in der Schule nicht mehr herumprügelte. Er bekam ein paar
Tage Hausarrest und ich machte ihm klar, dass dies die Konsequenz sei,
wenn er sich in der Schule wieder herumprügeln würde. Kurz darauf
waren Weihnachtsferien und ich hatte zu Hause ein sehr ausgeglichenes
Kind, das friedlich mit seinen Freunden spielte. Am 1. Schultag nach den
Ferien jedoch berichtete mir Nils mittags, dass er sich wieder mit dem
Jungen, der unsere Nachbarstochter geschlagen hatte, geprügelt hätte.
Dies traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte wirklich gedacht, er hätte
sein Verhalten in der Schule geändert, weil er zu Hause so friedlich
war. Ich verlor die Nerven, schrie ihn an und verprügelte ihn. Ich
hielt ganz einfach dem Druck von außen nicht stand. Auch mein tägliches
AT half da nicht mehr.
|
|
Seitdem
sind vier Monate vergangen. Nils geht zweimal in der Woche zum Judo und
kann dort unter Einhaltung von Regeln seine Kräfte mit anderen Kindern
messen. Er hat seine erste Gurtprüfung bestanden und ist stolz
darauf. Die Rolle des Bandenchefs hat Nils endlich abgelegt. Er versucht
nicht mehr, den anderen Kindern seinen Willen aufzuzwängen. Wir haben
ihm auseinandergesetzt, dass wir das nicht wünschen und dass er sonst
mit Konsequenzen rechnen muss. Vor ein paar Wochen bekam ich einen
spontanen Anruf von Nils Klassenlehrerin. Sie schilderte mir, wie Nils
Verhalten sich zum Positiven geändert hätte. Er wäre viel ruhiger und
ausgeglichener, und auch seine schulischen Leistungen hätten sich
sehr gesteigert. Sein
Verhalten seinem Bruder gegenüber hat sich auch geändert. Es kommt
nach wie vor zu Streitigkeiten und Handgreiflichkeiten, jedoch werden
die Grenzen jetzt viel besser eingehalten. Ich denke, ich hätte schon
früher die Grenzen enger stecken sollen. Nils hatte praktisch täglich
Ärger mit Mitschülern. Jetzt habe ich ihm klargemacht, er darf sich
wehren, soll aber nicht mehr mit Prügeleien beginnen. Erzieht sonst in
der Schule ganz einfach den Kürzeren und wird immer die Rolle des
Buhmanns haben. Nils ist nun nicht mehr kampflustig, und daher ist sein
Leben in der Schute einfacher geworden. In der Pause prügelt er sich
nicht mehr herum, sondern spielt Fangen oder Ball. Ich bin über diese
Entwicklung sehrfroh, nur denke ich, es ist Aufgabe der Lehrerschaft,
in der Schule für Ordnung zu sorgen. Wenn Nils die Grenzen in der
Schule klargewesen wären, dann hätte er sich dort auch anders
verhalten. Er versucht immer den Rahmen, innerhalb dem er sich bewegen
kann, völlig auszuschöpfen. Nils Klassenlehrerin versucht mehr, durch
Gespräche im Stuhlkreis das Verhalten der Kinder zu beeinflussen. Ich
habe mehrfach gesagt, dass das bei Nils nicht ausreicht und dass er sehr
gut auf Konsequenzen reagiert und dass diese Konsequenzen natürlich
auch für die anderen Kinder gelten müssen. Anfang des Jahres schrieb
Nils Lehrerin: "Nils hat zu Patrick Penner gesagt" in sein
Mitteilungsheft. Ich mußte diese Nachricht unterschreiben. Ich muss
ganz ehrlich sagen, mir reißt langsam der Geduldsfaden. Zu Hause dürfen
meine Kinder keine Schimpfwörter sagen, und ich sorge sehr konsequent
für die Einhaltung dieser Regel, da sonst die Fäkaliensprache bei
uns an der Tagesordnung wäre. In der Schule nutzte Nils natürlich den
Rahmen seiner Möglichkeiten aus, da es auch bei der Regel: "Wir
sagen keine schmutzigen Wörter" keine klare Konsequenz gibt.
Zumindest gibt es nur ab und zu spürbare Konsequenzen. Abschließend
möchte ich noch eine kleine Geschichte dazu erzählen, dass Kinder
sofort aus den Konsequenzen ihres Handelns lernen. In der Woche, nachdem
unsere Nachbarstochter auf dem Schulhof geschlagen wurde, bin ich in
der Pause auf dem Schulhof gewesen und habe meinen Sohn beobachtet. Mir
war die Situation zu brisant, zumal die Klassenlehrerin wegen eines
Todesfalles in der Familie ein paar Tage nicht in der Schule war. Am 3.
Tag kam mir ein Junge aus Nils Klasse mit einem total naßgeweinten
Taschentuch entgegen. Sein Gesicht war an Stirn, Nase und Kinn sehr
aufgeschrammt. Er zitterte am ganzen Körper. Ich glaube, er stand ein
bißchen unter Schock. Er erzählte, ein Mitschüler hätte ihn mehrfach
mit dem Kopf auf das Schulhofpflaster gestoßen. Dieser Junge hätte
danach behauptet, Nils hätte ihn dazu angestiftet. Ich war sehr froh,
in dieser Pause anwesend zu sein. Nils konnte nicht der Anstifter
gewesen sein, da er von Anbeginn der Pause mit einem anderen Jungen
Frisbee gespielt und ich ihn dabei nicht aus den Augen ge- lassen
hatte. Der Junge, der seinen Klassenkameraden so zugerichtet hatte,
hatte sicherlich Angst bekommen, als er sah, was er angerichtet hatte.
Er wollte nicht den gleichen Ärger bekommen wie Nils, und er hatte
gelernt, wenn man die Schuld am eigenen Verhalten auf andere schiebt, bekommt
man in der Schule keinen Ärger. Ich
holte, Sie erhalten diesen Brief noch früh genug. Sie dürfen ihn
gerne ganz oder teilweise im AuK-Brief abdrucken. Ich möchte
Ihnen nochmals für das gute Gespräch danken und grüße Sie ganz
herzlich. Ihre
im Jahr 2000
Liebe
Frau Braun, nun
ist es 1 Jahr her, daß unsere Familie wieder bei Ihnen war, um Rat
einzuholen. Unser ältester Sohn Nils hatte damals in der Schule großen
Ärger. Mein Mann war in dieser Situation sehr stark und beschützte
ihn. In Gelsenkirchen wurde ihm nochmal von Herrn Starzmann klargemacht,
daß er in der Familie der Chef sein müsse. Das Problem war, daß die
Lieblingsrolle unseres Ältesten die des Banden- und Familienchefs
war. Das führte in der Schule zu stetigem Ärger Mein
Mann ist nun bei uns ganz klar das Familienoberhaupt. Und siehe da: Die
Kinder haben seit einem Jahr kein Asthma mehr. Es gibt nur noch ab und zu
eine kleine Erkältung mit Reizhusten, keine Bronchitis! Mein Mann hatte
dieses Jahr zum ersten Mal keinen Heuschnupfen. Ich feiere nun für mich
ein kleines Fest und danke Ihnen, dem ganzen Gelsenkirchener Team und
besonders Herrn Starzmann für die große Hilfe, die wir erhalten haben.
Unsere Kinder können in Ihrer Statistik als geheilt eingetragen werden!
Liebe
Grüße und vielen herzlichen Dank
Astrid Höher
|
Hier geht es zurück zur Homepage des AuK!
Copyright © 1997 Klaus Zölzer